Aus der Ortsgeschichte von Wildberg, Bergerhof und Wildbergerhütte
Die Dörfer Wildberg, Bergerhof und Wildbergerhütte sind nicht nur geografisch, sondern seit ihrer jeweiligen Entstehung eng durch den Bergbau miteinander verbunden. Das ehemalige Gruben- und Hüttental erstreckt sich von Wildbergerhütte in südöstlicher Richtung über Bergerhof nach Wildberg, umrahmt nach Süden von Frohnenberg, Bärenhardt und Knöpchen, nach Norden und Osten vom Mühlenberg und Hardter Berg.
Die Berge nach Süden und Osten bilden mit ihrem Höhenkranz die Wasserscheide und gleichzeitig die Grenze zwischen Rheinland und Rheinland-Pfalz sowie nach Osten zu Westfalen hin. Auf dem Mühlenberg steht weithin sichtbar das Wahrzeichen von Wildbergerhütte: das Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Es wurde 1926 aus einem ehemaligen Kamin einer Schmelzhütte umgestaltet und erinnert neben den Gefallenen an die alte Tradition des Bergbaus. Die Wälder in der näheren Umgebung, die schmucken Häuser und nicht zuletzt die schöne Lage der Ortschaften verfehlen nicht ihre Anziehung auf auswärtige Gäste, so dass man mit Recht eine steigende Beliebtheit bei Erholungssuchenden und Feriengästen verzeichnen kann.
Politisch gehören unsere Ortschaften seit der kommunalen Neugliederung des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahre 1969 der Gemeinde Reichshof an, die mit 114 qkm die zweitgrößte Flächengemeinde im Obergergischen Kreis ist.
Von den Anfängen einer Besiedlung in unserer Heimat weiß man wenig. In der Vorzeit werden wahrscheinlich nomadisierende Jäger durch die Täler und über die Höhen gezogen sein, um Auerochs, Mammut und Nashorn zu jagen. Der karge Boden und verhältnismäßig viel Niederschlag waren für eine Besiedlung wenig geeignet, zumal das Oberbergische damals ein ausgesprochenes Waldland war.
Sichere Anzeichen von sesshaften Menschen wurden aus der jüngeren Steinzeit, die etwa 1800 v. Chr. endete, gefunden. Zur Zeit Julius Cäsars waren auf der rechten Rheinseite im Sieg-/Wuppergebiet die Sugambrer ("die sehr Tüchtigen") ansässig. Diese hatten die vor den Römern flüchtenden Nachbarn, die Ubier, aufgenommen. Wie tapfer, mutig und selbst-bewusst die Sugambrer waren, kann man daraus ersehen, dass sie Cäsar folgende Nachricht zukommen ließen: "Des römischen Volkes Herrschaft endet am Rhein".
Bei den beiden Rachezügen, die Cäsar unternahm, um sie Roms Macht spüren zu lassen, mussten sich die Sugambrer zwar in die Wälder zurückziehen, aber besiegt wurden sie nicht! Im späteren Frankenreich gingen die Sugambrer auf.
Ob sich schon in der damaligen Zeit Flüchtlinge im oberen Wiehltal ansiedelten oder ob einige Jahrhunderte später die an den Hängen in Wildberg zu Tage tretenden Erze Siedler anlockten, weiß man nicht. Es werden aber schon vor der ersten Jahrtausendwende n. Chr. Erze in Wildberg abgebaut worden sein.

Als nämlich am 1. August 1167 der Reichshof Eckenhagen durch eine Schenkung von Kaiser Friedrich Barbarossa an den Kölner Erzbischof Reinald von Dassel in den Besitz der Kölnischen Kirche überging, heißt es u. a. in der Urkunde: "... samt allen Leuten, Besitzungen, Silbergruben und allem Zubehör." Im Reichshof Eckenhagen gab es also mit den Silbergruben schon "Industriebetriebe". Die genannten Silbergruben sind die von Wildberg und vielleicht die von Heidberg.

Mit der besonderen Erwähnung der Gruben wird auch ihre Bedeutung und ihr Wert anerkannt. Gleichzeitig kann man daraus schließen, dass die Gruben in Wildberg schon lange Zeit vorher bestanden und die Besiedlung entsprechend früh einsetzte.

Mit dem Bergbau in Wildberg ist nicht nur das Dorf gleichen Namens verbunden, sondern auch die benachbarten Orte. Das zeigt zum Beispiel der Name "Bergerhof", der nach Oswald Gerhard als Bergherren-Hof gedeutet werden kann. Besonders augenfällig ist der Name ,,Wildbergerhütte", entstanden durch eine Schmelzhütte, in der die Wildberger Erze ab etwa 1400 aufgearbeitet und geschmolzen wurden.
Möglich wurde dieses durch die damals aufkommende Ausnutzung der Wasserkraft durch Wasserräder. Die Umstellung der alten Rennöfen auf Stücköfen brachte bei höheren Temperaturen viel mehr und bessere Qualität der Metalle. Die notwendigen großen Blasebälge und die Pochwerke zum Zerkleinern der Erze wurden mit Wasserkraft betrieben.
So kam es zu einer entscheidenden Standortverlagerung: Die Erze wurden nicht mehr in kleinen Schmieden bei der Grube geschmolzen, sondern ins Tal zur Wildberger Schmelzhütte gebracht, um dort mit der vorhandenen Wasserkraft weiterverarbeitet zu werden. Der Bergbau hat viele Jahrhunderte den Bewohnern unserer Heimat Arbeit und Brot gegeben. Außerdem versuchten und vermochten sich unsere fleißigen Vorfahren durch eine Nebenarbeit auf dem Felde oder im Walde einen zusätzlichen Erwerb zu erarbeiten, um die tägliche Not zu lindern.

Um so schlimmer und verheerender muss sich die teilweise oder auch vollständige Einstellung des Bergbaus auf die Menschen ausgewirkt haben. Das mag sich zum ersten Mal im Mittelalter ereignet haben, als sich die allmähliche Erschöpfung der im Tagebau mit den damaligen primitiven technischen Hilfsmitteln erreichbaren Erzvorräte auszuwirken begann. Der anstelle des nicht mehr lohnenden Tagebaus aufkommende Stollenbetrieb brachte dann wieder neuen Aufschwung.

Aber schon die Zeit der Reformation (1517) und die dadurch ausgelöste Gegenreformation brachte neue Unruhen ins Land. Die späteren Wirren des verheerenden 30-jährigen Krieges (1618 - 1648) mit den Folgen der dazu noch grassierenden Pest werden den Mut und Unternehmergeist der Menschen völlig gelähmt haben. Nicht nur ausländische, sondern auch deutsche Soldaten benahmen sich wie beutegierige Feinde und schlugen und peinigten die Bevölkerung in furchtbarster Weise. Den Bewohnern wurden unter Drohungen das Bargeld abgenommen, Plünderungen, Raub und Mord waren eine ständige Gefahr. Durch Hungersnot, Morde und Pest wurden Dreiviertel der Menschen in Deutschland dahingerafft.

Erst 70 Jahre nach dem großen Krieg wurde der Betrieb in der verfallenen Grube Wildberg wieder aufgenommen, ganz allmählich erholte sich das gebeutelte und geschundene Land. In Wildbergerhütte wurden die Erze in einer neu errichteten Hütte geschmolzen und Bergerhof entwickelte sich zu einer zentralen Ortschaft. Aber das Bergglück ist, wie die Alten sagten, ein "launisch Ding". Der Berg hat die Dörfer reich und arm und manche junge Frau zur Witwe gemacht. Der "Kux" machte oft verwegene Sprünge. Auch davon wissen die Alten ein Lied zu singen. Nachdem es noch einige Male ein Auf und Ab im Bergbau zu verzeichnen gab, wurde in der Wildberger Grube dann schließlich 1911 die letzte Schicht verfahren und damit, wie so oft in der 1000-jährigen Geschichte des Grubentales, die Bergbautätigkeit endgültig eingestellt.

Wildbergerhütte entwickelte sich dank seiner zentralen Lage zum drittgrößten Ort der heutigen Gemeinde Reichshof. Es entstanden Geschäfte und kleine Betriebe mit aufwärtsstrebender Entwicklung, die neue Arbeitsplätze schafften. Als sichtbares Zeichen der steten Erneuerung und des Vorwärtstrebens ist zu verzeichnen, dass auf dem Gelände des alten Hüttenwerkes heute der Produktionsbetrieb der Firma Wessel steht und als größter Arbeitgeber des Ortes vielen Bewohnern Beschäftigung bietet.